Wie will ich leben?

Voller Dankbarkeit und Demut blicke ich zurück auf fünf Wochen in einem anderen Leben.
Im Nachhinein kommt es mir schon fast ein bisschen unwirklich vor, wie unterschiedlich alles im Vergleich zu meinem Alltag war und wie vieles trotzdem auch gleich. 


La Gomera ist und bleibt einfach eine magische Insel!
Einige sagen, es sei eine Insel der Heilung. Sie sagen, dass kranke Menschen dort hinreisen, um wieder gesund zu werden. Ich weiß es nicht, doch mir fällt auf, dass es mir immer wieder gut tut dort zu sein - auf verschiedene Weise...

Am Anfang ist es echt eine Herausforderung am Strand barfuss über die Steine zu laufen. Es fällt leichter über die großen Steine zu gehen. Direkt zu Beginn habe ich mir den rechten kleinen Zeh gebrochen. Natürlich bin ich dann im Laufe der Zeit immer wieder damit angestoßen, meistens wenn es gerade fast verheilt war. Das ist mir bestimmt fünf bis sechs Mal passiert. Tja, das gehört einfach dazu... und ist im Endeffekt vor allem eins: Eine gute Konzentrationsübung - 'Junge, guck auf deine Füsse und konzentrier dich darauf einen Fuß hinter den Anderen zu setzen.' Meistens als ich mir den Zeh wieder angestoßen hatte, war ich natürlich mit den Gedanken woanders. Manchmal kann es aber auch echt blöd laufen, denn du darfst niemals den Steinen vertrauen. Es kann vorkommen, dass du irgendwo ungünstig auftrittst und plötzlich eine kleine Steinlawine in Bewegung setzt - dabei kann man sich echt übel verletzen!

Das Leben dort am Strand ist vor Allem eins: 
Eine Einladung aus der Komfortzone rauszukommen...

Es ist dort nicht bequem, und kann manchmal richtig ungemütlich sein. Bei hohem Wellengang kann selbst der Gang zur Toilette für große Geschäfte eine Anstrengung werden. Zum Glück musste ich während der gesamten Zeit nur einmal nachts... Du erleichterst dich im Meer - Klo und Bidet zugleich. Das kann schlaftrunken mit Kopflampe echt eine Herausforderung sein, über die Steine zu balancieren, ohne sich dabei auf die Fresse zu legen.


Das Leben am Strand lehrt mich immer wieder Langsamkeit - schön entspannt eine Sache nach der Anderen. So funktioniert es dort für mich am Besten! Während ich diesen Satz schreibe, muss ich schmunzeln, weil ich mir denke, dass das natürlich auch hier Sinn macht... In meinem Alltag merke ich es nur nicht so schnell, weil ich hier viel mehr Möglichkeiten und Ablenkungen habe.

Tja, weniger ist mehr... in einem Gespräch höre ich, wie mein Gegenüber sagt: "Mangel ist total geil! Je weniger ich habe, umso glücklicher bin ich." Ich halte inne - so habe ich das bisher noch nie gesehen. Es gab schon solche Momente, wo ich mir dachte, dass mir die Fülle in meinem Leben manchmal zu viel ist. Doch das Mangel auch etwas Positives sein könnte, dieser Gedanke war mir neu und gleichzeitig ebenfalls irgendwie unheimlich. Wie kann das sein, wenn sich doch so viele Menschen um mich herum, den Wunsch nach Fülle, wie ein Mantra immer und immer wieder wiederholen?


Zu Beginn bin ich noch sehr dankbar darüber, dass ein Freund, der vor mir in der Höhle gelebt hat, mir so viele Gegenstände hinterlassen hat. Ich habe vier große Sonnensegel, eine komplette Küchenausstattung und viele andere Kleinigkeiten, die mein Leben nun bereichern. Doch nach der ersten Räumung durch die Polizei wird mir bewusst, dass diese Fülle mir nicht gut tut - es stresst mich nun auch noch Verantwortung für die Sachen von meinem Freund zu haben. Wie abgesprochen gebe ich alles Jemandem, der die Sachen für meinen Freund aufbewahren soll - allerdings schon viel früher als gedacht. Nun habe ich nur noch einen Topf zum Kochen, ein Sonnensegel und wenige andere Dinge, die mir jedoch plötzlich nicht mehr als bloße Kleinigkeiten erscheinen. Je weniger ich habe, desto größer ist meine Wertschätzung für das, was ich bereits habe.



Was ist schon sicher?
Nach der ersten Räumung durch die Guardia Civil bin ich morgens oft angespannt. Jeden Tag könnte es wieder passieren, dass ich 'mein Zuhause auf Zeit' verlassen muss. Alleine der Gedanke stresst mich. Ich bekomme Zweifel an diesem Lebensstil. Bei genauerer Betrachtung wird mir bewusst, dass es mir zuhause ähnlich geht. Es kann jederzeit soweit sein, dass dort nicht mehr leben kann oder alles verliere. In meiner Erinnerung ruft sich eine Geschichte auf, dir mir vor einigen Jahren ein Mann in Mexiko erzählt hat: Nach einem Einkauf kam er wieder zurück zu seinem Segelschiff, doch sein Zuhause stand in Flammen. Alles ist verbrannt, untergegangen und wurde dann von der Strömung im Meer verteilt.

Nur ein paar Habseligkeiten konnte er retten, doch selbst diese waren zum größten Teil nicht mehr zu gebrauchen. Es können so viele Dinge geschehen, die uns daran erinnern, dass dem Leben schlichtweg ausgeliefert sind. Ob uns das nun gefällt, oder nicht!


Ich laufe barfuss, bin nackt - soviel es geht. Mein Körper ist ständig in Aktion und Bewegung. Es sind knapp vier bis fünf Kilometer bis in die Stadt. Diese Strecke gehe ich fast alle zwei bis drei Tag hin- und zurück. Ich merke, wie es mir von Mal zu Mal leichter fällt. Das tut gut, auch wenn es mich manchmal nervt, dass ich 8l Wasser und bestimmt nochmal mindestens das Gleiche an Gewicht für Lebensmittel in meinem Rucksack mit mir herumschleppe. Manchmal fühlt es sich danach an, dem ausgeliefert zu sein und das es eben so ist - doch die Wahrheit ist, all das hab ich gewählt. Vielleicht hatte ich vergessen, wie anstrengend es sein kann. Aber ist das nicht meistens so?


Dann werde ich krank, und zwar so richtig krank - übler Husten, Schnupfen, Fieber (das bei dem warmen Klima kaum erkennbar ist), nachts Schüttelfrost und heftiges Schwitzen. Es geht gerade eine Grippe um auf den Kanaren, höre ich. Das kann ich nur bestätigen, denke ich.

Stell dir vor du wirst krank und keiner will mehr etwas mit dir zu tun haben! Du bist hochgradig ansteckend, und du bist alleine. Du musst für sich selbst sorgen, dir trotzdem Wasser und Essen besorgen. Vielleicht hast du Glück und dort ein paar Freunde: Beziehungen und Freundschaften sind so wichtig, besonders an so einem Ort, wo sich ansonsten Jeder selbst der Nächste ist.

Völlig erschöpft komme ich aus der Stadt wieder mit einem Rucksack, der sich noch viel schwerer anfühlt als sonst. Direkt an den ersten beiden Tagen, als ich so krank geworden bin, war ich zum Einkaufen in der Stadt, um mich mit ausreichend Wasser und Lebensmitteln einzudecken.
Kaum bin ich zurück, packe ich schon meine Einkäufe aus. Dann bereite ich mir einen selbstgemachten Hustensaft aus Honig mit Knoblauch, Zwiebeln und Ingwer zu. Daraufhin gehe ich zum Meer, um mich zu waschen. Auf dem Weg zurück in die Höhle denke ich darüber nach, was ich noch alles machen will - dabei stoße ich mir wieder meinen kleinen Zeh an. Ein übler Schmerz geht mir durch Mark und Nieren, dann muss ich husten und meine Nase läuft. Alles tut mir weh. Auf einmal wird mir unter Tränen bewusst, dass ich auch hier ständig durch mein Leben hetze und wie sehr mich das stresst. 


Als ich krank in der Höhle lag, hatte ich viel Zeit zum Nachdenken - mir ist aufgefallen, dass ich hier, genauso wie zu Hause, oft viel Zeit alleine verbringe und mich manchmal auch einsam fühle. Ich liege am Boden, bin müde und schlafe viel - kaum Energie. Das kommt mir bekannt vor. Die Nächte schlafe ich unruhig, wache immer wieder auf und muss ständig Wasser lassen. Doch es freut mich dabei immer wieder das Funkeln der Sterne zu sehen. Der Blick aus der Höhle ist wunderschön, bei Tag und Nacht - manchmal sind nachts noch ein paar mehr Lichter zu sehen, wenn Segelschiffe mit ihren Ankerleuchten für weitere Lichtsterne am Horizont sorgen.

An einem Morgen besuche ich meinen Nachbarn. Es sind noch andere Gäste zu Besuch. Wir kochen gemeinsam und unterhalten uns gut. Gegenseitig erraten wir unsere Sternzeichen. Ein Fischer sagt mir, dass er sich schon gedacht hat, dass mein Sternzeichen 'Fische' sei - er erzählt davon, wie er draußen auf dem Meer in seinem Boot nahe der Küste oft Fische sieht, die auch zuhause in ihrer Höhle sitzen. Ich muss schmunzeln und verstehe mich nun selbst ein wenig besser.

Mittags schlafe ich oft auf der dünnen Matte am Boden ein. Ich wache auf und fühle mich gut. Da muss ich mich daran erinnern, dass ich einmal gehört habe, es sei gut direkt auf dem Boden zu schlafen. Denn dann sind wir am Stärksten geerdet. Ja - das macht irgendwie Sinn, denke ich mir und bin gleichzeitig erstaunt, dass ich so gut schlafe,
obwohl mir der Rücken davon wehtut.

Für den letzten Abend habe ich eine kleine Party organisiert. Ich kaufe großzügig ein - Zutaten für einen bunten Salat, Getränke und Snacks. Die Idee ist Jeder bringt etwas zu Essen mit. Der Abend wird phänomenal: Als Höhepunkt bringt der Nachbar eine große 'Schlachtplatte' mit verschiedenen Fleischspezialitäten vorbei. Alle sind total aus dem Häuschen! Es wird gesungen und gelacht. Menschen begegnen sich, die sonst nichts oder nur wenig miteinander zu tun haben - so verschieden sind wir alle gar nicht.


In Dankbarkeit für diese schöne Zeit!

Euer Many



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